21. Apr. 2026

Von Apollon bis Algorithmus – alte Mythen, neue Menschenbilder

Was bedeutet es, Mensch zu sein – in einer Zeit, in der Gewissheiten ins Wanken geraten und Technologien zunehmend Aufgaben übernehmen, die lange als zutiefst menschlich galten?

Beim IWF Austria Jour fixe beleuchtete die renommierte Regisseurin, ehemalige Intendantin, Autorin und IWF-Mitglied Anna Badora diese Frage aus einer besonderen Perspektive – mit einem Blick in die Theater- und Ideengeschichte.

Vier Perspektiven auf den Menschen:

Antike – der begrenzte Mensch
In der griechischen Vorstellung ist der Mensch ein Handelnder, der die Konsequenzen seines Tuns nie vollständig überblicken kann. Er ist eingebettet in größere Zusammenhänge und Kräfte. Seine Herausforderung besteht darin, die Balance zwischen apollinischer Ordnung (Vernunft, Maß) und dionysischer Ekstase (Gefühl, Intuition, Unbewusstes) zu wahren.

William Shakespeare – der spielende Mensch
Identität erscheint hier nicht als festes Schicksal, sondern als Spielraum. In „Was ihr wollt“ wird Geschlecht zur Rolle, zur Möglichkeit. Der Mensch ist nicht nur das, was er ist – sondern auch das, was er spielen kann.

Witold Gombrowicz – der geformte Mensch
Identität entsteht im Zusammenspiel mit anderen, im Blick der anderen. In „Yvonne“ bringt eine Figur, die sich den sozialen Erwartungen entzieht, ein ganzes System ins Wanken. Identität wird sichtbar als etwas, das zwischen Menschen entsteht – und zerfällt.

Gegenwart – der offene Mensch
In einer Welt fluider Identitäten stellt sich die Frage nach Orientierung neu. Der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt den Menschen als ein „übendes Wesen“ – nicht als festen Zustand, sondern als fortlaufende Praxis.

Und heute?
Vielleicht liegt das, was uns von Maschinen unterscheidet, nicht in Perfektion – sondern im Unfertigen, Widersprüchlichen, Uneindeutigen.

Am Ende steht eine zentrale Frage:
👉 Welches Menschenbild wollen wir stärken?

Denn der Mensch ist nicht nur ein Konkurrenzwesen.
Er ist auch ein Beziehungswesen.
Seine Stärke liegt nicht im Alleinsein, sondern darin, verbunden zu bleiben.